Reden

Rede zum Volkstrauertag 2021:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Ockel,
meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger,

zwei Sonntage vor dem ersten Advent gedenken wir in Deutschland traditionell den Opfern von Krieg und Gewalt aller Nationen. Leider nehmen ihn viele Menschen heut nicht mehr so wahr. Wir sehen es auch heute hier, nur wenige Menschen sind zu dieser zentralen Veranstaltung unserer Stadt erschienen.

Warum?

Vielleicht, weil Krieg und Gewaltherrschaft so weit weg sind.

Der zweite Weltkrieg und die Nazi-Diktatur sind seit 76 Jahren beendet. Die EU, einst als Wirtschaftsraum gestartet, hat sich zum nachhaltigsten Friedensprojekt unseres Kontinents entwickelt. Sie sichert auch den Wohlstand, die Freiheit und Rechtssicherheit der Menschen, die hier leben.

Aber ist es wirklich so weit weg? Zeitlich gesehen.

Im Vergleich zur Geschichte der Menschheit, die vor rund 300.000 Jahren begann und der Bevölkerung des europäischen Kontinents vor rund 40.000 Jahren ist das nur ein Wimpernschlag. Also weit weg?

Auch heute noch herrschen in weiten Teilen der Welt Krieg und Gewalt. In Myanmar bekriegen sich seit 1948 verschiedene Rebellengruppen und auf den Philippinen oder in Teilen Nigerias werden Menschen auf Grund ihrer Religion verfolgt und ermordet.

Aber das ist ja weit weg!

Die Philippinen sind ca. 10.000 km entfernt,
Myanmar 8000 km entfernt,
Nigeria rund 7000 km.

Die Flugzeit beträgt zwischen 7h und 15 h, also nicht mal einen Tag. Weit weg?

In Afghanistan haben die USA und Ihre Verbündeten, auch Deutschland, fast 20 Jahre lang versucht die Gewaltherrschaft der Taliban zu beenden. Nach dem Abzug der Soldatinnen und Soldaten dauerte es nur wenige Wochen, bis die Taliban wieder das ganze Land unter Ihre Herrschaft zwingen konnten und Angst und Schrecken verbreiten, mit Morden und Foltern.

Entfernung: 5000km, Flugzeit auch nur 6h. Weit weg?

In Syrien herrscht immer noch Baschar al-Assad, der in dem Bürgerkrieg in seinem Land nicht davor zurückschreckte, Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen.

Entfernung knapp 3.000 km, Flugzeit, nicht mal 4h. Weit weg?

In der Ost-Ukraine stehen sich immer noch Soldaten der russischen Föderation und Ukrainische Soldaten gegenüber. Der Konflikt gerät zwar aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit, aber er ist noch da.

Entfernung: ca. 2.000 km, Flugzeit knapp 3h. Weit weg?

In Weißrussland zwingt Diktator Lukaschenko Flugzeuge zur Zwischenlandung, um Oppositionelle zu inhaftieren. Er holt tausende Flüchtlinge aus Krisenregionen ins Land und karrt sie dann an die polnische Grenze, die Außengrenze der EU, um sie bei minus Temperaturen in den Wäldern sich selbst zu überlassen in der Hoffnung, dass sie die Grenze gewaltsam durchbrechen und die EU destabilisieren.

Entfernung: 1.100 km, Flugzeit 1 ½ h. Weit weg?

Wie weit weg, ist weit genug weg, dass wir die Augen davor verschließen können? In einer Welt die durch die Globalisierung immer näher zusammenrückt?
Es gibt in dieser Welt kein „Weit weg“, jeder regionale Konflikt, kann über Flucht und Vertreibung innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen auch zu einem globalen Konflikt werden. Einem Konflikt der uns betrifft. Und um es noch deutlicher zu machen: Nur jeder zweite Mensch lebt in einem Land das demokratische Strukturen hat. Nur zwei der sieben Kontinent sind frei von bewaffneten Konflikten. Ozeanien und die Antarktis. Europa gehört nicht dazu, denken Sie an die Ostukraine.

Deswegen ist der Volkstrauertag so wichtig. Er ist Erinnerung und Mahnung.

• Er erinnert uns an das Leid von zwei Weltkriegen und Millionenfach Tod.
• Er erinnert uns den Terror der Nazi-Diktatur.
• Er innert uns an die Flucht tausender und abertausender Menschen vor diesem Terror.
• Er erinnert uns an das Elend, dass dieser Krieg über weite Teile Europas, ja der ganzen Welt    
  gebracht hat.
• Und er erinnert uns daran, das was wir erreicht haben, den Frieden, die Freiheit, den Wohlstand
  wertzuschätzen.

Und dieser Tag ist Mahnung:
• Mahnung, dass wir dieses Leid nicht vergessen dürfen.
• Mahnung, dass Konflikte nicht weit weg sind und uns schnell erreichen können.
• Mahnung, dass wir alles dafür tun müssen, um Krieg, Terror und Gewaltherrschaft zu beenden.
• Mahnung, dass wir in einer globalisierten Welt Verantwortung tragen, nicht nur für uns selbst,
  sondern für die ganze Menschheit.

Erinnerung und Mahnung, dass sind die Botschaften dieses Tages. Das müssen wir uns und unseren Mitmenschen bewusst machen.

Erinnerung und Mahnung!

Danke.

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